Article in yearbook 2025
History Julius Kühn's influence on agricultural engineering teaching and research
Julius Kühns Umfeld im 19. Jahrhundert
Am 23.10.1825 wurde Julius Kühn in Pulsnitz, einer Stadt am westlichen Rand der Oberlausnitz im heutigen Landkreis Bautzen geboren. Eine Gedenktafel am Geburtshaus erinnert an diesen Anlass.
In die Zeit seines Heranwachsens fiel die Abschaffung der Leibeigenschaft, die bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in den meisten deutschen Staaten vollzogen wurde. Diese Entwicklung hatte erhebliche Auswirkungen auf die Entstehung und den Wandel bäuerlicher Betriebe.
Die Landtechnik, die zu dieser Zeit genutzt wurde, war bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert geprägt von einfachen, aber effektiven Werkzeugen. Dazu gehörten „der von Pferden, Ochsen oder Kühen gezogene Scharpflug aus Holz und Eisen, Hacken und Zinkeneggen zur Saatbettbereitung, sowie Sichel und Sense zum Schneiden von Gras und Getreide“ [1]. Für das Ausdreschen des Getreides kam der Dreschflegel zum Einsatz, während die Harke zum Wenden und Sammeln von Halmfrüchten diente. Der Transport der Ernte erfolgte mit Ein- und Zweiachswagen, die ebenfalls von Zugtieren gezogen wurden.
Bild 1: Schleuderroder (1856), nach Perels beste Maschine [2]
Figure 1: Potato harvester (1856), according to Perels the best machine [2]
Ab etwa 1850 entstanden in Deutschland die „ersten privaten Landmaschinenfabriken, wie Sack in Leipzig, Eberhardt in Ulm und Lanz in Mannheim. In zunehmenden Stückzahlen fertigten sie Pflüge, Eggen, Grubber und Walzen, wozu dann langsam auch Sämaschinen und Mähmaschinen kamen“ [3]. Darüber hinaus wurden auch Schrotmühlen, Jauchepumpen und Milchzentrifugen hergestellt.
Ein interessantes System war das sogenannte Zwei-Maschinensystem: Dabei zogen zwei Dampflokomobile, die am Feldrand standen, abwechselnd den Kipp-Pflug. „Dieses System kam ab etwa 1860 nach Deutschland. Der erste Dampfpflug dieses Typs wurde 1865 in Bayern auf der Sendtinger Höhe während des Oktoberfestes vorgestellt“ [3].
Vor allem in Mitteldeutschland gab es große Fortschritte in der Landtechnik. „So erweiterte Friedrich Dehne aus Halberstadt sein Landmaschinen-Programm um Dampfdreschmaschinen und Lokomobilen eigener Fertigung und rückte damit zu den führenden Herstellern auf. Auch die Fabrik landwirtschaftlicher Maschinen F. Zimmermann & Co., Halle/Saale, erschloss sich neue Märkte, indem sie mit der Produktion von Kartoffelrodern begann (Beispiel Bild 1). Schließlich starteten H. Laaß & Co., Magdeburg, den Bau des von Paul Oliver Lecq entwickelten zweischarigen Rübenhebers (Bild 2), der nicht zuletzt wegen seiner völlig neu konzipierten, meißelförmigen Schare für großes Aufsehen sorgte“ [4].
Bild 2: Viel Aufmerksamkeit fand 1878 der Rübenheber von H. Laaß & Co. [4]
Figure 2: The beet lifter from H. Laaß & Co. attracted a lot of attention in 1878 [4]
Nach Krombholz begann in Deutschland die Entwicklung zur Industriegesellschaft ab Mitte des 19. Jahrhunderts, bei der in den einzelnen Phasen unter anderem folgende Merkmale bestanden:
„Aufbau einer Industrieproduktion, vor allem auf der Grundlage von universellen Arbeits- und Werkzeugmaschinen mit Antrieb durch Dampfkraft. Holz und später Kohle dominierten die Antriebs- und Transporttechnik“. Die Nutzung der Elektroenergie, zum Beispiel in der Antriebstechnik, erfolgte erst ab dem Ende des 19. Jahrhunderts [5].
Die Weltausstellungen von 1851 bis 1904 waren auch Motor für die technischen Entwicklungen in der Landtechnik. „Die Weltausstellung 1851 in Paris gilt im Allgemeinen als Startpunkt der Mechanisierung. Dort ausgestellte Maschinen verbreiteten sich rasch in Deutschland“ [6].
Bereits um die Jahrhundertwende setzte man „in Deutschland 260.000 Dreschmaschinen ein“. Dies entsprach mehr als 15 Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe [3].
Mit 16 Jahren ging Julius Kühn in die landwirtschaftliche Praxis.“ Als Lehrling, Gehilfe und Gutsverwalter erwarb er sich umfassende landwirtschaftliche Kenntnisse.
Ab 1848 übernahm er als Amtmann das Gut in Groß-Krausche bei Bunzlau. Hier konnte er viele praktische Erfahrungen sammeln und studierte mit modernen Methoden wie der Mikroskopie intensiv die Krankheiten der Kulturpflanzen und veröffentlichte darüber mehrere wissenschaftliche Arbeiten zur Phytopathologie und zum Pflanzenschutz“.
1855 immatrikulierte er sich an der Landwirtschaftlichen Lehranstalt in Bonn-Poppelsdorf. Aus finanziellen Gründen musste er das Studium nach zwei Semestern abbrechen. Er promovierte jedoch im März 1857 an der Universität Leipzig mit der Dissertation „Über den Brand des Getreides und das Befallen des Rapses und über die Entwicklung des Maisbrandes. Im gleichen Jahr habilitierte er sich an der Landwirtschaftlichen Akademie Proskau. Nach nur einem Semester Lehre ging er als Verwalter der niederschlesischen Güter des Grafen Egloffstein in Schwusen/Glogau zurück in die Praxis“ [7].
Der Weg von den Akademien zum universitären Landwirtschaftsstudium
Während des Studiums, welches dem erfahrenen Praktiker nur wenig Neues bieten konnte, hatte Kühn die Gelegenheit, „die Strukturen einer Universität intensiv kennen zu lernen“ und es reifte in ihm die Idee „dass das Landwirtschaftsstudium seine beste Pflegstätte nur innerhalb des Rahmens der Universität finden könne“ und „neben dieser Idee entstand auch wohl bereits der stille Wunsch und das sehnsüchtige Streben, dass es ihm dereinst vergönnt sein möge, die Landwirtschaftswissenschaft in die Reihe der Universitätswissenschaften einzuführen und ihr im Schoße der Alma Mater einen dauernden, sorgfältig geschützten Wirkungskreis zu verschaffen und zu sichern. Kühn wollte „die praktische Seite der Landwirtschaft auf eine wissenschaftliche Basis stellen“ [8].
Die höhere landwirtschaftliche Ausbildung erfolgte bis zu diesem Zeitpunkt in Fachschulen und Akademien.
Wissenschaftlich wurde bereits auf dem Gebiet der Landwirtschaft gearbeitet. Beispielhaft zu nennen sind die Arbeiten von Albrecht Daniel Thaer und dessen Wirken in Celle, dem ersten Landwirtschaftlichen Lehrinstitut in Deutschland, gegründet im Jahre 1802 (ab 1806 Verlagerung nach Möglin bei Berlin). „1852 wurde der Chemiker Justus von Liebig (1803-1873) an die Münchner Ludwig-Maximilians-Universität berufen, wo er seinen Forschungsschwerpunkt auf die Agrikulturchemie legte“ und die „Entwicklung praktisch verwertbarer Mineraldünger“ untersuchte [9].
Bild 3: Julius Kühn im Hörsaal am 18. Oktober 1895 [7]
Figure 3: Julius Kühn in the lecture hall on October 18, 1895 [7]
Mit Genugtuung nahm Kühn zur Kenntnis, dass Justus von Liebig auf einer Festrede vor der Akademie der Wissenschaften am 26. März 1861 anmerkte, „dass alle diese Anstalten für die gegenwärtige Zeit ihre Bedeutung völlig verloren und sich überlebt haben, so könne nur die Verbindung des landwirtschaftlichen Studiums mit der Universität dem Bedürfnis der Landwirte am zweckmäßigsten entsprechen“ [10].
Am 30. April 1862 wurde Julius Kühn zum ordentlichen Professor für Landwirtschaft an der philosophischen Fakultät der vereinigten Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg berufen. Die erste landwirtschaftliche Vorlesung hielt er am 28.10.1862.
Indes stellte er fest: „es fehlte jedoch das Institut als Stütze und Grundlage“. Hierzu bedurfte es aber der persönlichen Zustimmung „Seiner Majestät des Königs Wilhelm I., welcher am 16. Februar 1863 die Einrichtung eines Institutes genehmigte“. Nach einer durch den „Minister, Exzellenz Dr. von Mühlen, veranlassten Bekanntmachung vom 27.02.1863 erfolgte die Gründung des landwirtschaftlichen Institutes der Universität Halle“ im gleichem Jahr [11].
Kühn, der auch in Berlin hätte berufen werden können, bevorzugte Halle wegen der „damals mit intensiver Landwirtschaft bewirtschafteten guten Böden im mitteldeutschen Gebiet von Halle und Magdeburg“ und er muss „schon die Vision gehabt haben, neben dem Lehrstuhl ein landwirtschaftliches Institut mit entsprechenden Demonstrations- und Versuchskapazitäten für tierzüchterische und ackerbauliche Fragen zu schaffen“ [10].
Der Grundstein für die landtechnische Tradition an der Universität Halle
Zunächst hielt Kühn selbst Vorlesungen zur Landtechnik. Seine Vorstellungen „vom Wesen der Landtechnik, von ihren Aufgaben und ihrer Rolle im Gefüge der Agrarwissenschaften hatten sich aus eigner Erfahrung entwickelt und gefestigt. Seine Intensionen waren ausdrücklich auf das Selbstsehen und Selbstuntersuchen durch den Studenten eingestellt. Daher verwundert es nicht, wenn Kühn konsequent die Einrichtung eines Lektorates für Landwirtschaftliche Maschinen und Gerätekunde betrieb und dessen Besetzung mit dem zu seiner Zeit bekanntesten Ingenieur zu erreichen suchte“ [12].
Einer der ersten Wissenschaftler, der sich der Landtechnik zuwendete, war Emil Perels, geboren 1837. Er hatte an der Berliner Gewerbeakademie Maschinenbau studiert [1].
Bild 4: Landwirtschaftliche Geräte und Maschinen, Emil Perels, Thaer-Bibliothek. 5. Aufl. [13]
Figure 4: Agricultural equipment and machinery, Emil Perels, Thaer Library. 5th edition [13]
Ab 1865 war er für die landtechnische Ausbildung der Landwirte am Berliner Landwirtschaftlichen Lehrinstitut zuständig. Der damals junge Ingenieur Perels empfand es als Mangel, dass es keine Lehrbücher über landwirtschaftliche Maschinen für Techniker gab. So schrieb er ein Handbuch für Ingenieure. „Er veröffentlichte es kapitelweise, bis er es 1866 geschlossen vorlegen konnte. Darin charakterisierte Emil Perels die Ausnahmestellung der landwirtschaftlichen Maschine, die nach seiner Auffassung in der Ungleichmäßigkeit des zu bearbeitenden Materials in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht bestand. Eine ideale Landmaschine war für ihn die, die ihren Dienst unter allen Umständen wie normal verrichtet. Perels bezeichnete es als den ersten Grundsatz des landwirtschaftlichen Maschinenwesens, dass es durchaus erforderlich ist, die Maschine der bestehenden Landwirtschaft anzupassen aber nicht umgekehrt die Landwirtschaft der Maschine. Er warnte: Versuche, welche auf das letztere Ziel hinausgingen, sind stets gescheitert“ [14].
Das Handbuch von Perels wird als das „erste deutschsprachige Lehrbuch eingeordnet, das einen vollständigen Überblick zum Stand der Landmaschinentechnik“ aus ingenieurtechnischer Sicht vermittelt [15].
„Julius Kühn hatte die für die Landwirtschaft zuständige Philosophische Fakultät darauf hingewiesen, dass die Landtechnik von den Landwirtschaftsdozenten nicht ausreichend vertreten werden könne“ [11]. So benannte er als vorzüglich geeignete Kraft Emil Perels. „Auch Emil Perels suchte nach anderen Perspektiven. Gute Möglichkeiten eröffneten sich am neu gegründeten Landwirtschaftlichen Institut in Halle. Perels erhielt 1867 einen Ruf als Lektor für Maschinenkunde an die Universität Halle. Ein besonderer Anreiz war für ihn wahrscheinlich die dort vorgesehene Einrichtung einer Prüfstation für landwirtschaftliche Maschinen und Geräte, eine Einrichtung, die er schon lange gefordert hatte. Er wurde zum Geschäftsführer der Station ernannt, war praktisch ihr Direktor. „Perels tat in dieser Funktion viel für die Entwicklung objektiver Mess- und Prüftechnik für landwirtschaftliche Maschinen.
Als Ingenieur, der am Gewerbeinstitut studiert hatte, konnte Perels an der Universität Halle nicht promovieren. Die Philosophische Fakultät der Universität Freiburg im Breisgau gab ihm dazu die Möglichkeit. Am 13. Februar 1869 wurde er dort wegen seiner ausgezeichneten Kenntnisse in der Maschinenkunde zum Doctor Philosophiae creiert“ [11].
„Widerstrebend und nur wegen der Autorität Kühns schloss sich die Hallenser Fakultät dem Antrag auf Ernennung zum außerordentlichen Professor an, nicht ohne dass eine ansehnliche Minorität mangelnde wissenschaftliche Qualifikation des Ingenieurs feststellte. Am 5. März 1872 wurde Perels zum a. o. Professor ernannt“ [16]. „Bei solchen Querelen war es nicht verwunderlich, dass er zusagte, im gleichen Jahr an der neu errichteten Hochschule für Bodenkultur in Wien einem Ruf auf die Lehrkanzel für Maschinen- und Meliorations-Ingenieurwesen zu folgen, der ersten ordentlichen Professur für Landmaschinenkunde überhaupt. Perels gehörte zu den hervorragenden Mitgliedern des Lehrkörpers der Hochschule für Bodenkultur. 1877 wurde er zum Dekan der landwirtschaftlichen Sektion, 1880 und 1886 zum Rektor der Hochschule gewählt“ [14].
Julius Kühn sorgte stets dafür, dass bei der Besetzung der landtechnischen Professuren keine Lücken entstanden. Hier sind die Nachfolger von Perels in chronologischer Reihenfolge aufgelistet:
· Prof. Albert Wüst (Extraordinariat von 1873 bis 1896, Leiter der Prüfstation): Er arbeitete fast 23 Jahre lang in der landtechnischen Lehre, bei der Prüfung von Landmaschinen und in der landtechnischen Forschung. Nach dem Urteil von Julius Kühn hat Wüst „sein Fach mit großer Hingabe und in hervorragender Weise vertreten. Er trug maßgeblich zum Erfolg der Maschinenprüfanstalt bei“ [12].
· Prof. Hans Lorenz (außerordentliche Professur von 1896 bis 1900, Leiter der Prüfstation).
· Prof. Alwin Nachtweh (außerordentliche Professur von 1900 bis 1905): Er leitete die neu eingerichtete eigenständige Abteilung für Landmaschinen und Geräte sowie die Prüfstation.
· Prof. Heinrich Walter (außerordentliche Professur von 1905 bis 1907): Er war ebenfalls Leiter der Abteilung für Landmaschinen und Geräte sowie der Prüfstation.
Im Jahr 1908 wurde Prof. Benno Martiny als Nachfolger berufen. Ab 1910 begann man „neben den wissenschaftlichen Maschinenprüfungen auf dem Versuchsfeld auch Vorführungen und Begutachtungen für praktische Landwirte“ durchzuführen [16].
Die Ära von Julius Kühn war nach den ersten Jahren von Martiny zu Ende gegangen. Dennoch fühlte sich „Martiny eng mit dem Werk seines großen Vorgängers Kühn verbunden und sah es als seine Verpflichtung an, dieses fortzuführen“. Mit ihm kam ein ausgezeichneter Pädagoge nach Halle [12].
Entwicklung der Prüfstation für landwirtschaftliche Maschinen und Geräte
Zwei Dinge passten hervorragend in die damalige Zeit. Erstens bestand unter den praktischen Landwirten eine Unsicherheit bezüglich der „Eignungsbewertung von Landmaschinen“, insofern „Objektive Prüfungen und Bewertungen“ fehlten [12].
Zweitens, über die Vorzüge der Verbindung von landtechnischem Lehramt und Geschäftsführung der halleschen Prüfstation für Landwirtschaftliche Maschinen und Geräte äußerte sich Kühn mit folgenden Worten: „Damit wurde zugleich dem Landwirtschaftsstudium unserer Universität ein nicht hoch genug zu schätzender Dienst geleistet, denn ein Dozent für landwirtschaftliche Maschinenkunde, der zugleich Leiter einer Maschinenprüfungsstation ist, bleibt in ununterbrochener regen Verbindung mit der Fortentwicklung seines Faches. Für die Studierenden bietet dieselbe das reichste und neueste Anschauungs- und Demonstrationsmaterial“ [17].
Insofern entsprach die Gründung einer Prüfstation für landwirtschaftliche Maschinen und Geräte am 19. März 1867 am landwirtschaftlichen Institut den Vorstellungen Julius Kühns.
Somit konnte Perels bereits im „ersten Jahr mit 7 Prüfberichten an die Öffentlichkeit treten“ [12].
In einem weiteren Bericht der Prüfstation aus dem Jahre 1894 wurde verzeichnet, „dass seit ihrem Bestehen bereits 134 Prüfungen an verschiedenen Landmaschinen durchgeführt werden konnten“, veröffentlicht durch den Nachfolger von Perels, Prof. Albert Wüst. Im von ihm verfassten Jahresbericht wurden die geprüften Maschinen aus dem Jahre 1874 beschrieben (Bild 5).
Bild 5: Jahresbericht der Prüfstation 1875 [18]
Figure 5: Annual report of the testing station, 1875 [18]
Darin ist erklärt, dass die jeweiligen Ergebnisse in der Zeitschrift des „landwirthschaftlichen Centralvereins der Provinz Sachsen“ der Öffentlichkeit bekannt gegeben wurden. Die „Commission der Prüfungsstation“ setze sich aus Professoren des damaligen Landwirtschaftlichen Institutes zusammen. Neben Albert Wüst gehörten meist drei weitere Wissenschaftler dazu, unter anderem Julius Kühn [18].
Mit dem Tätigkeitbericht der Prüfstation über die Zeit von 1901 bis 1905 (Bild 7) wurden unter Alwin Nachtweh im genannten Zeitraum 60 Maschinen und Geräte geprüft und zu „über 21 dieser Prüfungen eingehende Berichte veröffentlicht“. Bild 6 zeigt einen Auszug der untersuchten Maschinen unter Alwin Nachtweh.
Bild 6: Auszug aus Tätigkeitsbericht der Prüfstation über die Zeit vom Juli 1901 bis Mai 1905 [19]
Figure 6: Excerpt from the test station's activity report covering the period from July 1901 to May 1905 [19]
Darüber hinaus zeigte Nachtweh seine Verbundenheit mit dem landwirtschaftlichen Prüfwesen durch die „Initiative zur Gründung des Vereins landwirtschaftlicher Maschinen-Prüfungs-Anstalten im Jahre 1906“ [12].
Wie bereits beschrieben, wurden ab 1910 durch Benno Martiny neben den Prüfungen auch Begutachtungen sowie alljährliche Vorführungen von neuen Maschinen und Geräten auf dem Versuchsfeld angeboten. In der Promotionsschrift von Martiny (1911) zum Thema „Zugkraftmessung an Bodenbearbeitungsgeräten“ wird zusammengefasst: „Die neuere Entwicklung des landwirtschaftlichen Maschinenwesens stellt erhöhte Anforderungen an das Prüfen der Maschinen. Es genügt nicht mehr, sie als Ganzes nach dem Augenschein zu beurteilen, sondern es müssen auch ihre einzelnen Eigenschaften durch wissenschaftliche Messung festgestellt werden [20].“
Würdigung Julius Kühns
Die Leistungen Kühns während seines Wirkens in Halle waren sehr vielseitig. Beispielsweise hatte er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1909 fast 8.000 Studenten ausgebildet. Auch eher am Rande erwähnt wird, dass er über die Jahre zunächst aus eigenen Mitteln Flächen gepachtet bzw. gekauft hatte, um ab 1886 über 113 ha für Versuchszwecke und zur Unterhaltung des Haustiergartens verfügen zu können. „Über 300 Publikationen belegen eindrucksvoll die verschiedenen Arbeitsgebiete, von der Tierproduktion über die Pflanzenproduktion bis zur Betriebswirtschaft, vom Drainagebau über die Entwicklung von Pflanzenschutzgeräten bis hin zur Bodenbearbeitung, von der Pflanzenernährung über die Züchtung bis zur Phytomedizin“ [8].
Bild 7: Festumzug zur Feier des 25-jährigen Bestehens des Landwirtschaftlichen Institutes [13]
Figure 7: Parade celebrating the 25th anniversary of the Agricultural Institute [13]
Anlässlich der Feierlichkeiten zu seinem 50. Doktorjubiläum am 10. März 1907 definierte Julius Kühn die Idee seines Wissenschaftslebens: „Meine Aufgabe war ein Ziel, dass vorher nicht ausgesprochen worden ist. Aber die naturwissenschaftliche Forschung ist noch keine Landwirtschaft. Das wahre Ziel ist die größtmögliche Produktion an Nahrungsmitteln und Kleidungsstoffen. So, wie die medizinische Wissenschaft die Erhaltung des Leibes in Kraft und Gesundheit zum praktischen Ziele hat, besitzt unsere Wissenschaft die Pflicht, die Bedürfnisse der Menschheit nach Nahrung und Kleidung zu decken zu versuchen“ [21].
„Den Ruhm der alten Universitätsstadt sollte vor allem auch das Landwirtschaftliche Institut in die ganze Welt verbreiten. Eine große Persönlichkeit, ein Mann von außergewöhnlichem Organisationstalent und pädagogischen Fähigkeiten war es die diesen großen Apparat in verhältnismäßig kurzer Zeit geschaffen hatte: Julius Kühn“ [22].
Zusammenfassung
Julius Kühn erkannte früh die Bedeutung der raschen Entwicklung der Landtechnik und setzte sich dafür ein, landtechnische Vorlesungen von spezialisierten Fachkräften durchführen zu lassen. Durch die Einrichtung einer Prüfstation für landwirtschaftliche Maschinen und Geräte verband er praxisnahe Anschauung mit wissenschaftlicher Ausbildung. Sein Wirken prägte maßgeblich die landtechnische Lehre und Forschung an der Universität Halle und beeinflusste nachhaltig die Weiterentwicklung des Lehrstuhls und der Prüfstation.
Literatur
[1] Göhlich, Horst „Die landtechnische Lehre und Forschung an der Technischen Universität Berlin 1919 – 1999“, Berlin 2001.
[2] https://mediatum.ub.tum.de/?id=706344, letzter Zugriff 03.2025.
[3] „Von der Sichel zur Mikroelektronik“, Geschichte der Landtechnik von Entwicklungsschüben gekennzeichnet, 175 JAHRE LANDTECHNIK IM WOCHENBLATT, 1985.
[4] Herrmann, Klaus, „Meilensteine der Landtechnik“, in 58 LANDTECHNIK 2/2003.
[5] Krombholz, Klaus, „Gedanken zur Vorgeschichte von Landwirtschaft 4.0“, in Jahrbuch Agrartechnik, 2018.
[6] [https://www.chroniken-reddelich.de/veraenderungen-in-der-landwirtschaft-des-19-und-20-jahrhunderts/], letzter Zugriff 03.2025.
[7] [https://www.verwaltung.uni-halle.de/museum/museum/kuehn.htm], letzter Zugriff 03.2025.
[8] Hallmann, Johannes; Quadt-Hallmann, Andrea; Deml, Günther, „Julius Kühn und die Kulturpflanzen: Ein historischer Überblick seiner Arbeiten anlässlich des 100sten Todestages“ in JOURNAL FÜR KULTURPFLANZEN, 62 (4). S. 125–141, ISSN 0027-7479 VERLAG EUGEN ULMER KG, STUTTGART, 2010.
[9] [https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Landwirtschaft_(19./20._Jahrhundert)], letzter Zugriff 03.2025.
[10] Joachim Wussow, „Julius Kühn – Ein Leben für die Landwirtschaft“, in Sachsen-Anhalt Geschichte und Geschichten, Anderbeck-Verlag, 2005.
[11] Wohltmann, Prof. Dr. F., KÜHN-Archiv, „Festschrift zur Feier des 50jährigen Bestehens des Landwirtschaftlichen Instituts“, Universität Halle, 1914.
[12] „Vorträge eines Symposiums an der Sektion Pflanzenproduktion, Wissenschaftsbereich Mechanisierung und Technologie aus Anlass des 75. Geburtstages von Konrad Riedel, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg“, in Wissenschaftliche Beiträge ,1985.
[13] Aus Bestand der Universität Halle.
[14] Müller, Manfred, „1902 - 2002 100 Jahre agrartechnische Lehre und Forschung in den Berliner Agrarwissenschaften; Gustav Fischer und das Institut für landwirtschaftliche Maschinenkunde“, Humboldt-Universität zu Berlin, 2002.
[15] Krombholz, Klaus, „Über die Entwicklung landtechnischer Lehrbücher in Deutschland“, in Jahrbuch Agrartechnik, 2021.
[16] KÜHN-Archiv, „Festschrift zum 75jährigen Bestehens der Landwirtschaftlichen Institute“, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 1938.
[17] Fritzsch, Prof. Dr. habil., „100 Jahre landtechnische Forschung und Lehre an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg“, in Manuskript, Halle 1963.
[18] Wüst, Albert, „Die Fortschritte im landwirthschaftlichen Maschinenwesen“, Leipzig 1875, Bayerische Staatsbibliothek, Oecon. 1922 c, urn:nbn:debvb:12-bsb11318952-3.
[19] Tätigkeitsbericht der Prüfstation über die Zeit vom Juli 1901 bis Mai 1905, 1906.
[20] Martiny, Benno „Kraftmessung an Bodenbearbeitungsgeraeten“ Dissertation, Giessen, 1911.
[21] „Julius Kühn – Biografie“, © Museum für Haustierkunde „Julius Kühn“ Halle (Saale), Erstelldatum: April 2008.
[22] Freydank, Dr. phil., „Die Universität Halle, Ihre Anstalten, Institute und Kliniken, Stadt und Umgebung“, Lindner Verlag, Düsseldorf 1928.
Weiterführende Literatur:
[23] Brenner, Walter Gustav, „Ernte und Dreschtechnik der Halmfrüchte“ in „Die Entwicklung der Landtechnik im 20. Jahrhundert“, Herausgeber Franz Günther Franz, DLG Verlags GmbH, 1969.
[24] Herrmann, Klaus, „Die Veränderung landwirtschaftlicher Arbeit durch Einführung neuer Technologien im 20. Jahrhundert“, Bonn: Dietz, ISSN 0066-6505, ZDB-ID 505-8. - Bd. 28.1988, S. 203-237, 1988.
[25] Herrmann, Klaus, „Meilensteine der Landtechnik“, in 52. Jahrgang LANDTECHNIK 2/97.
[26] Wussow, Joachim, „Das Museum für Haustierkunde „Julius Kühn“ – im Spiegel der Tierzuchtforschung“ in Züchtungskunde, (4) S. 324–336, 2013, ISSN 0044-5401 © Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart, 1985.
[26] Morgenstern, Stefanie, „ENTWICKLUNG DER LANDWIRTSCHAFTLICHEN AKADEMISCHEN AUSBILDUNG“, VDL-Bundesverband, Berufsverband Agrar, Ernährung, Umwelt e.V., August 2008.
[28] Bachner, Axel, „150 Jahre landtechnisches Lehramt an der Universität Halle“, in Jahrbuch der Agrartechnik 2017.
[29] „125 Jahre Landwirtschaftliches Institut 1863 – 1988“, Kongress und Tagungsberichte der Martin-Luther-Universität, Teil 1, 1989.
Autorendaten
Axel Bachner ist seit 1985 wiss.-techn. Mitarbeiter an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Landtechnik) sowie Mitglied im VDI-MEG Fachausschuss Geschichte der Agrartechnik.
